Auch das wird vorübergehen: König Salomo und die Kunst, Emotionen zu meistern

Emotionen zu kontrollieren ist nicht leicht – selbst für große Könige.

König Salomo, berühmt für seine Weisheit, seine Gerechtigkeit und seine goldene Herrschaft, regierte ein Volk, das ihn verehrte. In seinem Palast aus Zedernholz und Gold, umgeben von den klügsten Beratern und den reichsten Schätzen, lebte ein Mann, dem kaum ein Wunsch verwehrt blieb. Und doch trug er eine Frage in sich, die ihn mehr beschäftigte als alle Staatsgeschäfte: Wie kann der Mensch im Angesicht wechselnder Zeiten innere Ruhe bewahren?

Eine Welt im Gleichgewicht – und doch Unruhe im Herzen

Im Inneren des Palastes hallte das Murmeln der Diener durch marmorne Gänge. Weihrauch zog durch die Hallen, vermischt mit dem Duft von Zimt und Feigenhonig. Vor dem Thronsaal saßen Schreibgelehrte in langen Reihen, vertieft in Papyrusrollen. In den Gärten sangen Nachtvögel im Schatten der Granatapfelbäume, und das Wasser plätscherte leise in steinernen Brunnen.

Es war eine Welt von Ordnung und Reichtum – und dennoch: In Salomos Innerem regte sich etwas, das sich nicht durch Macht oder Wohlstand beruhigen ließ. Emotionen, unkontrollierbar in ihrer Kraft, beunruhigten selbst diesen großen König.

Die Suche nach innerer Ruhe beginnt

So rief er seine Berater zusammen und stellte ihnen eine große Aufgabe: „Findet für mich eine Antwort auf meine Frage: Wie kann der Mensch im Angesicht wechselnder Zeiten innere Ruhe bewahren?“

Die klügsten Köpfe des Landes machten sich an die Arbeit. Philosophen, Mystiker, Ratgeber und Gelehrte trafen sich über viele Tage hinweg in Salomos Gemächern. Sie trugen Zitate aus heiligen Schriften vor, entwickelten Konzepte über Gleichmut, Überwindung des Egos und die Zyklen der Natur.

Einige Vorschläge waren tiefsinnig, andere hochtrabend und manche auch schlicht absurd. Mal musste Salomo lachen, mal runzelte er die Stirn. Einmal, nach einer besonders esoterischen Rede, verließ er sogar schweigend den Saal.

Emotionen und Weisheit – keine einfache Verbindung

Ein junger Mystiker schlug vor, der König solle täglich drei Stunden schweigen und seine Gedanken auf das Nichts richten. Ein alter Astronom behauptete, das Geheimnis liege in den Sternen, und überreichte Salomo ein mechanisches Modell der Himmelskörper. Der König drehte es einmal, sah die Planeten kreisen – und stellte es seufzend zur Seite.

Andere empfahlen Edelsteine mit besonderen Schwingungen, Meditationsgrotten, das Fasten bei Neumond oder das Tragen von Amuletten aus Myrrhe.

So zogen Wochen ins Land. Aus Wochen wurden Monate. Jeder neue Vorschlag war ein Versuch, das Ungreifbare zu greifen. Doch keiner der Sätze oder Lehren, die ihm präsentiert wurden, vermochte das zu leisten, wonach er verlangte. Emotionen blieben ungebändigt. Der König begann zu glauben, dass es vielleicht keine Antwort auf seine Frage gab.

Ein fremder Weiser erscheint

Eines Abends, kurz vor Sonnenuntergang, trieb der Wind feine Schleier aus Sand durch das Westtor der Stadt. Die Schatten der Palmen wurden lang, und das Licht der goldenen Stunde tauchte die Mauern Jerusalems in sanftes Rot. In dieser Stimmung der fast schon stillen Resignation erreichte ein fremder Weiser die Stadt.

Er kam mit der untergehenden Sonne. Sein Schatten fiel lang auf das Pflaster der staubigen Straßen, sein Gewand war von der Reise grau geworden, und an seinem Stab klebte der Sand vergangener Länder. Niemand nahm große Notiz von ihm, als er das Stadttor durchschritt. Er wirkte wie ein Wanderer unter vielen.

In einer einfachen Herberge am Rande des Marktplatzes fand er für die Nacht ein Lager. Dort war es laut vom Stimmengewirr der Händler und den Rufen der Straßenkinder, die mit Feigen und getrocknetem Fisch umherliefen. Der Weise sprach wenig, bestellte etwas Wasser, etwas Brot, und legte sich bald schlafen.

Die Wende: Ein Satz über Emotionen

Am nächsten Morgen, als das Licht der Dämmerung langsam über die Häuser kroch und der Duft von Fladenbrot, Ziegenmilch und frischen Datteln durch die Luft zog, trat er hinaus auf den Platz. Er lauschte den Gesprächen der Leute, trank aus einem Krug mit Wasser und wärmte sich an einem kleinen Feuer.

Dort hörte er zum ersten Mal von der Frage des Königs. Zwei Kaufleute unterhielten sich über die Unruhe im Palast, über die klügsten Männer des Landes, die sich seit Wochen die Köpfe zerbrachen – und doch zu keiner Antwort kamen. Einer schüttelte den Kopf und sagte: “Wenn selbst die Philosophen des Ostens nichts wissen, wer soll dann das Herz des Königs beruhigen?”

Der Weise schwieg. Dann nahm er einen letzten Schluck aus seinem Becher, richtete sich langsam auf und sagte ruhig: “Vielleicht… trage ich eine Antwort in mir.”

Die Begegnung mit Salomo

Die Köchin runzelte die Stirn, ein Junge lachte leise, doch einer der Kaufleute blickte ihn aufmerksam an. “Du meinst, du könntest dem König helfen?”

“Ich weiß es nicht”, sagte der Mann, “aber wenn man mich lässt, würde ich es versuchen.”

Und so bat er darum, vor dem König erscheinen zu dürfen. Er war auf der Durchreise, trug staubige Gewänder und einen Stab, an dem das Zeichen eines alten Ordens geschnitzt war. Als er von der Suche des Königs hörte, bat er um eine Audienz. Man führte ihn vor den König, und Salomo, erschöpft und neugierig, gewährte ihm Gehör.

Der Ring und die Erkenntnis

Der Mann sprach ruhig, ohne zu beeindrucken, aber mit einer Klarheit, die den ganzen Saal still werden ließ. Er sagte: „Majestät, ich werde euch keine langen Reden halten. Ich bringe euch nur ein kleines Geschenk.“

Er überreichte Salomo einen schlichten Ring. Gefertigt aus festem Metall, ohne viele Verzierungen, unauffällig, fast schlicht. Doch in die Außenseite waren drei Worte eingraviert:

גם זה יעבור
Gam ze ya’avor – Auch das wird vorübergehen.

Salomo betrachtete den Ring lange. Keine große Philosophie, keine Bilder, keine Theorien. Nur diese Worte. Und doch spürte er, dass sie alles enthielten, wonach er gesucht hatte.

Emotionen kontrollieren

Die Kraft der Worte

Von diesem Tag an trug er den Ring stets bei sich. Wenn er große Siege errang und das Volk ihn bejubelte, sah er auf seine Hand und erinnerte sich: Auch das wird vorübergehen. Wenn ihn Kummer ergriff oder schwere Entscheidungen auf ihm lasteten, fand er Trost in denselben Worten.

Die Inschrift wurde zu seinem inneren Anker. Emotionen gewannen eine neue Tiefe, ohne ihn zu überfluten. Sie durften kommen – und wieder gehen.

Ein Leben in Balance – durch die Kraft des Rings

Einmal stand Salomo im Gerichtssaal, als zwei Frauen um ein Kind stritten. Die Spannung war greifbar, das Urteil schwer. Als seine Stimme fester wurde, spürte er den Ring an seiner Hand. Er blickte darauf – und sprach dann mit einer Sanftheit, die alle Anwesenden innehalten ließ. Seine Worte waren klar, getragen von innerer Ruhe. Emotionen waren da, doch sie beherrschten ihn nicht.

An einem anderen Tag verlor das Reich einen großen Feldherrn, der bei einem Grenzkonflikt gefallen war. Die Nachricht traf Salomo wie ein Stich ins Herz. Noch bevor er sprach, hielt er inne, griff an den Ring und atmete tief durch. Auch dieser Schmerz, so wusste er nun, würde vergehen.

Doch nicht nur in dunklen Stunden diente ihm der Ring als Wegweiser. Eines Tages hielt er ein neugeborenes Kind auf dem Arm – das Kind eines einfachen Bauern, dessen Familie er in einer Rechtssache persönlich verteidigt hatte. Er sah das Leben in dessen Augen und spürte Tränen der Rührung. Als seine Hand sich um das kleine Wesen schloss, fühlte er das Metall des Rings. Auch dieses Gefühl, diese Schönheit, würde vergehen – und genau das machte es so wertvoll.

Der Ring bleibt – auch wenn der Weise verschwindet

Als Salomo dem alten Mann danken wollte, war dieser bereits verschwunden. Niemand wusste, woher er gekommen war oder wohin er gegangen war. Er hatte keine Geschenke angenommen, keinen Namen hinterlassen. Manche meinten, er sei ein Engel gewesen. Andere glaubten, er habe die Antwort schon lange in sich getragen, bis die Zeit reif war, sie zu teilen.

Der Ring aber blieb. Nicht nur an Salomos Finger, sondern in seinem Bewusstsein. Er wurde zu seinem ständigen Begleiter, zu einem leisen Lehrer inmitten eines bewegten Lebens. Die Inschrift half ihm, Emotionen zu verstehen, sie willkommen zu heißen – und wieder gehen zu lassen.

Ein Vermächtnis über die Zeit hinaus

So wurde Salomo nicht nur als gerechter, sondern als tief weiser König berühmt. Einer, der nicht von der Gegenwart beherrscht wurde, sondern ihr mit milder Klarheit begegnete. Sein Reich wurde zu einer Insel des Gleichgewichts in einer Welt voller Wandel. Viele, die ihn trafen, erzählten später nicht von seinem Reichtum oder seiner Macht, sondern von seiner Weisheit – und einige auch vom Glanz eines Rings an seiner Hand.

Der Ring blieb bei ihm bis an sein Lebensende. Als er starb, lag er mit einem sanften Lächeln auf den Lippen, den Blick in die Ferne gerichtet, und seine Finger ruhten auf dem Ring. Denn selbst im Angesicht des letzten Atemzugs wusste er: Auch das wird vorübergehen.

Und seine Worte lebten weiter – über Zeiten, Sprachen und Reiche hinweg.

Fazit: Emotionen annehmen und loslassen lernen

Die Geschichte Salomos zeigt: Emotionen begleiten uns durch das ganze Leben. Doch wenn wir lernen, sie in einem größeren Zusammenhang zu sehen, gewinnen wir innere Ruhe. Ob Freude oder Schmerz – alles vergeht. Wer das versteht, trägt Weisheit in sich.

Vielleicht brauchen wir dazu keinen Ring. Aber einen Satz, der uns daran erinnert, dass auch dies vorübergehen wird.

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